Auf ein Wort. Eine Kolumne über Sprache – und wie sie die Wirklichkeit formt.
Kolumne
Auf ein Wort: Big Tobacco Moment
Die ZEIT schrieb die Tage über Social-Media-Konzerne wie Meta: „Womöglich erleben sie gerade einen Big-Tobacco-Moment.“ Als ich das las – big tobacco Moment – wusste ich sofort, was gemeint ist. Genau das macht gute Wortschöpfungen aus: Sie erklären sich selbst und strotzen nur so vor Bedeutung.
Eine offizielle Definition des Begriffs „Tobacco Moment“ konnte ich auf die Schnelle nicht finden. Aber was gemeint ist, liegt auf der Hand: Eine Branche, die jahrelang ungebremst wuchs, steht plötzlich vor ihrer historischen Disruption. Strengere Regularien, weitreichende Klagen, eine zunehmend kritische Öffentlichkeit. Und die Erkenntnis: Das Produkt macht krank.
Warum der Begriff funktioniert
Der „Big Tobacco Moment“ steht für
– eine Branche, die Profit über Gesundheit stellt,
– jahrelanges Vertuschen, Verherrlichen, Sich-Drücken und
– einen Moment, in dem ein ganzes System kippt.
Genau diese drei Deutungen kennzeichnen die aktuellen Debatten rund um Meta, TikTok & Co. – und stellen so eine Wirtschaftsanalogie her, die keine weitere Erklärung braucht. Genau das macht diese Wortschöpfung so gut, genau deswegen hat sie sich bei mir sofort verfangen.
Als Mutter eines Teenagers – die durchaus auch bei sich selbst Social Media-Suchtpotenzial sieht – sehe ich diesen „Big Tobacco Moment“ gerne kommen. Denn was dieses dauerhafte Onlinesein mit uns macht, tut uns nicht gut. Vielmehr macht es mir zunehmend Angst.
Eine wirtschaftliche und persönliche Analogie
Ich war viele Jahre lang starke Raucherin. Damals aber war ich wenigstens gesellig. Ich habe fröhlich in Gesellschaft gefeiert oder mich – nach dem Fertigstellen eines langen Textes – genüsslich zurückgelehnt, um bei einer Zigarette meinen Text noch einmal durchzulesen. Heute rauche ich nicht mehr, aus guten – gesundheitlichen – Gründen. Das Aufhören war nicht leicht, aber ich habe es geschafft, weil mir sonst buchstäblich die Puste ausgingen wäre.
Aber Social Media? Das rauche ich immer noch. Und es macht einsamer als jede Zigarette. Es stumpft ab, killt die Kreativität, ermüdet den Geist. Es macht genauso süchtig wie eine Kippe – hat aber das Potenzial, nicht nur individuell, sondern gesamtgesellschaftlich viel mehr Schaden anzurichten, als es das Rauchen je getan hat.
Wir werden uns sicherlich schon in einigen Jahren fragen, wie wir es zulassen konnten, dass unsere Kinder so viel Zeit mit sozialen Medien verbracht haben. So, wie wir uns heute fragen, wie unsere Eltern im Auto rauchen konnten, während wir Kinder auf der Rückbank saßen.
Nun also der Big Tobacco Moment. Meinetwegen darf er sofort kommen – auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das in der Realität aussehen soll. Kann der Konsum von Reels und Shorts überhaupt reguliert werden? Wird es vor jedem Öffnen einer Plattform einen schwarz umrandeten Sicherheitshinweis geben: „Der Konsum von Social Media macht süchtig“? Anstelle von durchlöcherten Lungen dann ein Dutzend kreideblasser Smombies in einer Zwangs-Gemeinschaftszelle?
Fest steht für mich: Bei falscher Anwendung kann Social Media das Gehirn zerstören. Weil es einfach zu viele kapitale Interessen gibt, die mit diesem Suchtpotenzial spielen. Wir dürfen von der Seite also eher keinen Support erwarten und müssen endlich selbst die Verantwortung übernehmen.
Wie schön es wäre, wenn es gut wäre
Ich stelle mir vor, wie es wohl wäre, wenn es nur noch „gesunden Content“ geben dürfte – wenn wenigstens Wissen und Werte vermittelt würden, wenn die sozialen Medien nur noch dazu dienen würden, sich digital zu verabreden, um im realen Leben zusammenzukommen. Ein bisschen wie Dating-Plattformen, die es uns erlauben, mit erweiterten Möglichkeiten auf Menschen zu treffen, mit denen wir uns verbunden fühlen. Hauptsache, wir schaffen es, immer weniger auf die Social Media-Plattformen zuzugreifen, weil wir den Wert echter Begegnungen wieder mehr zu schätzen wissen.
Mir fallen noch so viele Dinge ein, die mir bei der Beobachtung der Jugend heute fehlen, die ich als Heranwachsende aber noch kannte: Langeweile zum Beispiel. Auf die Suche nach guter Musik gehen. Sich auf die neue Folge einer Serie im Fernsehen freuen.
Wir brauchen wieder mehr „echtes Leben“
Wie dieser Big Tobacco Moment aussehen wird? Ich kann es mir (noch) nicht vorstellen. Vielleicht wird er nie kommen, weil wir schon viel zu abhängig sind, als dass wir noch bereit wären, etwas zu ändern.
Aber ich bin unbedingt dafür. Denn vielleicht ist das der einzige Weg, wie wir uns wieder auf das besinnen, was wir nur im „echten Leben“ können: etwas fühlen, riechen, schmecken. Gemeinsam lachen, einander begegnen.
Ohne digitale Plattformen wird es nicht mehr gehen. Aber es sollte doch möglich sein, sie wieder dorthin zurückzudrängen, wo sie hingehören: auf die Werkbank, wo wir sie nutzen, wenn sie uns dienlich sein können. Aber nicht als neue Gesellschaftsform.
Es wird Zeit, dass sich diese „schöne neue Welt“ endlich wieder von ihren eigenen schädlichen Auswüchsen erholt.

Nina Conze
Corporate Communications
Strategische Unternehmenskommunikation
Corporate Content & Storytelling
Interne Kommunikation & Change
Text & Fachredaktion
Impressum
Datenschutzerklärung
Kontakt
© 2026 Nina Conze